





- Die Menschen der Wüste
- Smaragdminen von Wadi el Gemal
- Karawanenroute der Antike
- Wüstenwissen
- Die Ababda
- Gewohnheitsrecht
Land & Leute in Ägypten
Die Menschen der Wüste
Die Begegnung mit den Ababda eröffnete uns einen authentischen Zugang zum Wadi el Gemal und gewährte tiefe Einblicke in eine jahrhundertealte Lebensweise, die im Beyt el Ababda (Haus der Ababda) am alten Eingang des Nationalparks Wadi el Gemal eindrucksvoll dokumentiert ist. Viele ihrer Traditionen haben sie bis heute bewahrt, wobei Gesang und Musik einen besonders hohen Stellenwert einnehmen. Als Beduinen mit nomadischen Wurzeln ist ihre Kultur weiterhin eng mit der Wüste, ihren Wegen und ihren Ressourcen verbunden.

Smaragdminen von Wadi el Gemal
Wadi el Gemal in der Östlichen Wüste Ägyptens war in der Antike vor allem für seine Smaragdminen bekannt. Smaragde wurden im hellenistisch-römischen Kulturkreis hochgeschätzt und galten als Sinnbilder von Macht, Wohlstand und göttlicher Gunst. Die ersten schriftlichen Erwähnungen stammen aus der Zeit von Ptolemäus XII. (117–51 v. Chr.), dem Vater der berühmten Kleopatra. Neben Smaragden kommt in der Region auch Alabaster vor, ein feinkörniges, helles Gestein, das sich gut bearbeiten lässt und traditionell für Gefäße, Skulpturen und architektonische Elemente genutzt wurde.
Smaragde sind eine grüne Varietät des Minerals Beryll. Ihre Farbe entsteht durch geringe Mengen Chrom im Gestein. Im Wadi el Gemal konnten sich diese Edelsteine bilden, weil dort besondere geologische Bedingungen vorherrschen: Magmatische Gesteine wie Pegmatit treffen auf Schiefer, der unter hohem Druck aus Ton und Schlamm entstanden ist. Diese Kombination trug dazu bei, dass die Minen der Östlichen Wüste Ägyptens – darunter jene von Wadi el Gemal – über Jahrhunderte als die wichtigsten und zeitweise sogar als die einzigen bekannten Smaragdquellen der Antike galten.
Die Minen waren spätestens ab etwa 100 v. Chr. in Betrieb und wurden bis ins 15. Jahrhundert genutzt. Sichtbare Überreste dieses Bergbaus prägen die Landschaft bis heute. Ein zentrales Zeugnis dieser Epoche ist der Große Tempel von Sikait, der mitten in den ehemaligen Abbaugebieten liegt und die historische Bedeutung des Wadi el Gemal verdeutlicht.
Aus bis heute weitgehend unbekannten Gründen wurde Berenice im 5. Jahrhundert n. Chr. aufgegeben. Der Sand hat die Überreste der Stadt begraben und konserviert, die nun wieder ans Licht kommen. Unter den zahlreichen Funden befinden sich mehrere Inschriften und Texte in elf verschiedenen Sprachen – einige davon sind bislang noch unbekannt.


Karawanenroute der Antike
Neben den Smaragdvorkommen verdankte Wadi el Gemal seine Bedeutung vor allem seiner Lage an einer der wichtigsten Handelsrouten der Antike. Eine Karawanenstraße führte durch das Tal und verband den ptolemäischen Hafen Berenice am Roten Meer mit dem Niltal.
Über diese Strecke gelangten Waren aus Indien, der Arabischen Halbinsel und Ostafrika in den Mittelmeerraum, darunter Gewürze, Edelsteine, Baumwollstoffe und Seide sowie aromatische Harze wie Weihrauch und Myrrhe, außerdem Elfenbein, Gold, Tierhäute und mitunter auch exotische Tiere. In Berenice wurden diese Güter von den Schiffen auf Kamele umgeladen, durch die Wüste zum Nil transportiert und von dort weiter nach Alexandria und in das Römische Reich verschifft. Berenice war damit eines der wichtigsten Tore, über die Luxuswaren über den Indischen Ozean in die römische Welt gelangten.
Diese Wüstenstraße ist stellenweise bis heute erkennbar und wird teilweise noch genutzt. Entlang der ehemaligen Karawanenwege finden sich zahlreiche gut erhaltene Felsgravuren. Sie zeigen historische Ereignisse der nomadischen Bevölkerung sowie Tierarten wie Strauße, die heute in dieser Region nicht mehr vorkommen. Jüngere Darstellungen von Segelbooten und Kamelen verweisen auf die lange Geschichte von Handel und Reisen durch dieses Wüstengebiet am Roten Meer.
Wüstenwissen
Wasser
Das Leben in der Wüste erfordert ein tiefes Wissen über das Gebiet, vor allem über seine Wasserquellen. Diese tragen verschiedene Namen, die wichtige Informationen über die Qualität, Zuverlässigkeit und Menge des Wassers liefern. So lassen sich die Risiken für alle verringern, die lange Reisen durch die Wüste planen.
Schon in der Antike stützten sich Karawanen, die oft wochenlang durch die Wüste zogen, auf ein Netz markierter Brunnen. Bis heute werden sie von den Ababda-Beduinen sorgfältig gepflegt. Beim Vorbeigehen an einem Brunnen ist es üblich, Eimer mit Wasser für Wild- und Nutztiere bereitzustellen – eine Geste des Respekts gegenüber dem Leben in der harschen Landschaft.
Spuren lesen, Wege finden
Seit Jahrhunderten geleiten die Ababda Handelskarawanen, Bergleute und Forscher sicher durch die Weiten der Wüste. Als unverzichtbare Führer begleiteten sie einst auch Pilger vom Niltal zu den Häfen am Roten Meer – den ersten Abschnitt der langen Reise nach Mekka. Diese Tradition setzen sie bis heute fort, als Wüstenführer für die Besucher des Nationalparks Wadi el Gemal.
Mit der Zeit haben einige Ababda eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Spuren zu „lesen“. Anhand der Abdrücke, die Tiere im Sand hinterlassen, erkennen sie, welche Kamele oder Fahrzeuge vorbeigekommen sind. Kamele – insbesondere Dromedare – hinterlassen individuell unterscheidbare Spuren, und erfahrene Fährtenleser können diese tatsächlich voneinander unterscheiden. So können die Ababda auch die Spur eines gestohlenen Kamels verfolgen, um es zu finden und seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen.
Sterne
Sterne spielen im Leben der Ababda eine zentrale Rolle. Sie dienen als Orientierungspunkte in den weiten Wüstenlandschaften und helfen, Osten, Westen, Norden und Süden ebenso zu bestimmen wie Windrichtung und Jahreszeiten. Wir haben das selbst erlebt: In tiefster Dunkelheit fand unser Ababda-Führer allein durch den Blick zu den Sternen mühelos den Weg – ein beeindruckendes Erlebnis!
Die Position bestimmter Sterne und des Mondes wird auch genutzt, um den Zeitpunkt besonderer Anlässe, religiöser Feiertage und Hochzeiten festzulegen, die meist bei Vollmond gefeiert werden. Zudem helfen die Himmelskörper, Regen vorherzusagen oder zu erkennen, wann sich bestimmte Fischschwärme in Küstennähe aufhalten. Sie bilden einen präzisen Kalender, der klimatische Zyklen anzeigt. Dieses astronomische Navigations- und Prognosesystem wurde über Jahrhunderte durch Beobachtung verfeinert. In Regionen ohne Messstationen ist der Himmel ein erstaunlich zuverlässiges Bezugssystem. Entsprechend spielen Sterne und Gestirne auch eine wichtige Rolle in der arabischen Poesie.
Pflanzen
Aufgrund der Knappheit an Ressourcen in dieser Region haben die Ababda gelernt, mit äußerst wenig Wasser, Holz und Wüstenpflanzen auszukommen. Daraus entstand eine Kultur, die verantwortungsvoll mit der Natur umgeht und ihr mit großem Respekt begegnet. Durch ihren engen Kontakt mit ihr entwickelten sie ein umfangreiches traditionelles Wissen über die vielfältigen Anwendungen und Heilwirkungen bestimmter Pflanzen. Heilpflanzen sammeln sie gezielt und kennen ihre Eigenschaften genau.
Im Wadi el Gemal ist das Fischen und das Sammeln von Pflanzen grundsätzlich verboten; als einheimische Bewohner der Region sind die Ababda davon ausgenommen. Die gesammelten Pflanzen dienen entweder dem Eigengebrauch oder werden auf dem Markt verkauft. In der Vergangenheit stellten die Ababda zudem Pflanzenkohle aus abgestorbenen Sträuchern und Bäumen her. Niemals würde ein Ababda einen Ast von einem lebenden Baum abbrechen, der Menschen und Tieren als Nahrung dienen, Schatten spenden oder als Heilpflanze genutzt werden kann. Der Umgang mit natürlichen Ressourcen wird auch durch ein altes Stammesgesetz geregelt, das den Ababda untersagt, lebende Bäume zu beschädigen oder zu fällen.
Mit dem wachsenden Einfluss von Moderne und Tourismus wandelt sich der Alltag der Ababda spürbar, und es wird anspruchsvoller, ihr kulturelles Erbe, ihre Traditionen und ihr einzigartiges Wissen lebendig zu halten. Das zeigen nicht zuletzt die jüngsten Ansiedlungen in einem von der Regierung errichteten Dorf nahe der Küste des Roten Meeres. So viele moderne Annehmlichkeiten dies auch bieten mag, es verändert zugleich ihre nomadisch geprägte Lebensweise.


Die Ababda
Die Ababda sind die ursprünglichen und alteingesessenen Bewohner des Wadi el Gemal. Über ihre genaue Herkunft ist nur wenig bekannt. Westliche Quellen sowie genetische und sprachliche Untersuchungen gehen davon aus, dass die Ababda zu den im Sudan beheimateten Beja gehören, die vor Jahrhunderten die Arabische Wüste besiedelten. Demnach sollen sie sich bereits in pharaonischer Zeit am Roten Meer niedergelassen haben und im 14. Jahrhundert islamisiert worden sein. Regionale und lokale Überlieferungen hingegen führen ihre Abstammung auf die Arabische Halbinsel zurück.
Ihr Siedlungsgebiet reicht vom Niltal bis zur Küste des Roten Meeres und bis an die sudanesische Grenze. Im Wadi el Gemal leben heute mehrere Tausend Ababda, die in verschiedene Stämme unterteilt sind; Abbad gilt als ihr Urvater. Der Stamm ist die größte familiäre Einheit und gliedert sich in rund 20 Clans, die ihre Abstammung über die väterliche Linie weitergeben. Eine Ababda-Familie umfasst typischerweise sieben Mitglieder: Vater, Mutter und fünf Kinder.
Ursprünglich waren sie Nomaden und Jäger, woran ihr traditioneller Schwert- und Schildtanz Maggad erinnert. Später wurden sie Hirten, Ziegen- und Dromedarzüchter sowie Fischer. Bis heute betreiben sie nachhaltige Fischerei, indem sie traditionelle Methoden anwenden, um die natürlichen Ressourcen des Meeres nicht zu erschöpfen. Sie fangen nur, was sie wirklich benötigen, abgestimmt auf den unmittelbaren Bedarf der Gemeinschaft. Am häufigsten gegessen werden Rotbarben, Papageienfische, Kaninchenfische und Kaiserfische. Viele Ababda arbeiten als Kunsthandwerker und Wüstenführer im Tourismus, während andere in den Wadis und Bergen von Viehzucht und einfacher Landwirtschaft leben.
Einige Ababda führen noch heute ein halbnomadisches Leben und wohnen in einfachen Hütten, bursh genannt. Diese bestehen traditionell aus einem Gerüst aus langen Ästen mit kuppelförmigem Dach. Die Außenwände sind mit geflochtenen Matten aus Palmwedeln (khisha) bedeckt, das Innere mit Teppichen aus Ziegenhaar ausgelegt. Für den Bau wird alles wiederverwendet, was sich recyceln lässt, um funktionale, temporäre Behausungen zu schaffen, die vor Wind und Hitze schützen. Da die Hütten mobil sind, bewahren die Familien Kleidung, Wasser und Milch in Satteltaschen auf, die an den Wänden hängen.
Gewohnheitsrecht
Die Ababda haben ein ungeschriebenes Gewohnheitsrecht entwickelt, das sowohl das Gemeinschaftsleben als auch den Umgang mit natürlichen Ressourcen regelt – etwa, dass Bäume nur gefällt und Äste nur abgebrochen werden dürfen, wenn sie bereits vertrocknet oder abgestorben sind. Dieses traditonelle Gesetz umfasst auch soziale Sitten, wie den Hochzeitsbrauch, nach dem der Bräutigam während der traditionell 40-tägigen Flitterwochen nicht arbeiten darf, während die Hochzeitsfeier selbst fünf Nächte dauert.
Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaft betreffen vor allem die Viehzucht oder familiäre Angelegenheiten. Wenn es zu Problemen kommt, versammelt sich der Rat (Majles) unter dem Vorsitz eines Ältesten (Sheikh). Er hört beide Seiten an und spricht anschließend ein Urteil, das in der Regel anerkannt wird. Betrifft der Streit mehrere Stämme, werden unabhängige Vermittler hinzugezogen. Nur selten werden staatliche Gerichte eingeschaltet, denn die Ababda sind darauf bedacht, Konflikte einvernehmlich zu lösen und ihr Zusammenleben in dieser ohnehin kargen und harschen Region friedlich zu gestalten.
Die meisten Weideflächen im Wadi el Gemal gehören seit Generationen einzelnen Familien. In Trockenzeiten nutzen sie ihr eigenes Land, während sie sich im Winter und zur Blütezeit der Pflanzen frei über verschiedene Weideflächen und größere Gebiete bewegen.






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