Fühlen

Fühlen, Mitteilen, Verstehen
Reisen bringt uns nicht nur an neue Orte, sondern oft auch näher zu uns selbst. Wir lernen andere Kulturen, Sprachen, Mentalitäten, Traditionen und Standards kennen und erfahren, wie wichtig unsere Art der Kommunikation dabei ist. Besonders das Fühlen – in all seinen Facetten – spielt unterwegs eine zentrale Rolle.
Doch was genau bedeutet es eigentlich, zu fühlen? Fühlen geht über das bloße Tasten, Berührungen oder das Spüren bestimmter Vibrationen hinaus. Es ist nicht nur die Wahrnehmung über die Haut, sondern schließt auch unsere Emotionen mit ein. Es ist ein zentrales Mittel, um die Welt um uns herum zu erfassen.
Ob über den Tastsinn, körperliche Empfindungen oder emotionale Wahrnehmungen: Fühlen ist ein Schlüssel zur Erfahrung. Es hilft uns nicht nur zu erkennen, ob etwas angenehm oder störend ist, sondern auch, wie wir uns selbst und unsere Umgebung einschätzen. Gerade unterwegs sind diese Eindrücke besonders intensiv. Fremde Ortschaften, das Klima, ein anderes Zeitgefühl, ungewohntes Essen oder irritierende Geräusche: sie fordern unsere Sinne und unser inneres Gleichgewicht heraus.
Im Laufe unserer Reisen haben wir gelernt, zu äußern, wenn uns etwas unangenehm ist und nachzufragen, wenn wir etwas nicht verstehen. Wie es so schön heißt: Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden – zuhause wie auch im Ausland.

Wenn wir eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, beispielsweise eine Massage, und merken, dass uns etwas irritiert oder stört, lohnt es sich, dies anzusprechen. Sei es der intensive Einsatz von Öl, ungewohnte Berührungen, ein tickender Wecker oder ein unangenehm kalter Ventilator: Es wirkt oftmals Wunder, wenn wir uns dann freundlich und direkt vor Ort äußern, anstatt uns heimlich, still und leise zu ärgern und unseren Unmut (im wahrsten Sinne des Wortes) anschließend im Internet bei einer schlechten Bewertung auslassen. Oft reichen ein Lächeln und ein simples „nein danke“ oder „weniger“ auf Englisch. Falls keine gemeinsame Sprache gesprochen wird, kann man sich in der Regel durch ein paar Gesten verständlich machen. Nur so haben die Leute die Möglichkeit, die Situation angenehmer zu gestalten oder zu erklären, denn vieles beruht auch auf Unwissenheit.
Gerade in Ländern mit anderen kulturellen Gepflogenheiten ist es ratsam, nicht vorschnell zu urteilen. Was für uns ungewohnt erscheint, etwa dass bei ayurvedischen Massagen auch die Brust behandelt oder die Haare stark eingeölt werden, hat dort oft eine lange Tradition. Wenn man das weiß, kann man sich entsprechend mitteilen: weniger Öl, Brustbereich oder Haare aussparen. Bisher hat das immer gut geklappt.
Anders als vielleicht im Westen, bewirkt Lautwerden in asiatischen Ländern übrigens genau das Gegenteil: man erreicht damit gar nichts. Einmal erlebten wir, wie sich Urlauber lautstark über eine verspätete Fähre aufregten. Je mehr sie schrien, desto unbeeindruckter schien die Frau am Schalter. Am Ende hatten sie unglaublich viel Energie verschwendet, anstatt konstruktiv und gemeinsam nach einer Lösung für die weitere Reise zu suchen. Ein andermal bekamen wir mit, wie sich ausländische Gäste bei dem Besitzer ihrer Unterkunft deutlich hörbar über die Hutaffen aus der Umgebung beschwerten. Die Affen hatten ihre Süßigkeiten, die offen auf der Terrasse lagen, geklaut. Was sollte der Vermieter denn machen – eine Affen-Verbotszone einrichten? Manche Wünsche sind eben unerfüllbar.
Es ist zu bedenken, dass subjektive Bewertungen im Internet, die aus einem kurzen Moment des Ärgers heraus oder aus Unkenntnis geschrieben werden, selbstständig Tätigen und kleineren Betrieben empfindlich schaden können. Ein negatives Urteil ist unfair, wenn es pauschal gefällt und nicht näher erläutert wird, den Einheimischen zuvor auch nicht die Chance gegeben wurde, etwas zu ändern. Kleine Unternehmen wachsen langsam, aber stetig und jede Bewertung – ob gut oder schlecht – hat großen Einfluss auf sie.
Kommunikation kann definitiv das Miteinander aller Lebewesen verbessern, selbst wenn sie „nur“ zum Nachdenken anregt. Oft ist Bewusstheit der erste Schritt zur Veränderung. Viele Menschen wissen beispielsweise gar nicht, dass bestimmte Verhaltensweisen – etwa das Einschalten einer Handy-Taschenlampe an Niststränden von Meeresschildkröten – Tiere irritieren oder beeinflussen können. Oft fehlt schlicht das Wissen darüber, welche Auswirkungen manche scheinbar kleinen Handlungen haben können. Spricht man solche Dinge ruhig, respektvoll und freundlich an, entsteht manchmal direkt ein Umdenken. Oft bleibt auch langfristig etwas davon hängen und Rücksichtnahme wird für alle selbstverständlicher.
In jedem Missverständnis und in jeder Unkenntnis liegt auch eine Chance auf ein besseres Miteinander: wenn man sie fühlt, anspricht und versteht. Reisen lehrt uns also auch, dass bewusstes Fühlen und offene Kommunikation Hand in Hand gehen. Immer wieder zeigt es uns: Der Weg zur Verbundenheit führt über freundliche Worte, feine Antennen und ein bisschen Mut zum Gespräch.
Fühlen statt bewerten
Wenn wir reisen, sammeln wir Eindrücke: visuelle, akustische, kulinarische. Doch oft übersehen wir dabei den vielleicht wichtigsten unserer Sinne: das Fühlen. Es ist nicht nur der Tastsinn, mit dem wir Oberflächen berühren. Fühlen bedeutet auch empfinden, wahrnehmen, begreifen. Es umfasst sowohl körperliche Reaktionen als auch seelische Resonanz, Mitgefühl, Neugier, Irritation oder Ablehnung.
Gerade auf Reisen erleben wir, wie sehr das Fühlen unsere Wahrnehmung beeinflusst und wie sehr unser eigenes Urteilsvermögen davon abhängt. Unwissenheit und ein mangelndes Gefühl für die örtlichen Lebensumstände können schnell in Missgunst umschlagen.
Ein Beispiel dafür sind Eintrittspreise in Nationalparks oder Museen in ärmeren Ländern. Viele Touristen empören sich darüber, dass Einheimische nur einen symbolischen Beitrag zahlen müssen, während sie selbst ein Vielfaches entrichten sollen. Schnell ist von „Abzocke“ die Rede, und eine schlechte Bewertung ist oft nicht weit. Doch wer sich einfühlt und nicht nur rechnet, erkennt den Kontext: In Ländern wie Sri Lanka beträgt das Durchschnittseinkommen etwa 270 Euro im Monat, der gesetzliche Mindestlohn liegt bei rund 84 Euro. Ein Einheimischer erzählte uns einmal, dass er umgerechnet 7 Euro am Tag verdient – für die gesamte Familie (Frau, zwei Kinder, Großmutter).
Angesichts dessen erscheinen 25 Euro Eintritt für einen Nationalpark, den viele Einheimische sich selbst für 1 Euro nicht leisten können, in einem ganz anderen Licht. Zumal solche Gebühren auch helfen, Besucherzahlen zu regulieren und die Natur zu schützen. Natürlich sind überzogene Preise kritisch zu hinterfragen, deshalb sollte man sich im Vorfeld über die üblichen und offiziellen Eintritte informieren. Pauschale Urteile und vorschnelle Bewertungen helfen jedoch niemandem weiter – sie trennen uns eher voneinander. Grundsätzlich tun wir gut daran, Interesse an den Menschen, ihrer Lebensweise und den Herausforderungen vor Ort zu zeigen. Es kann unsere Sichtweisen relativieren.
Auch in anderer Hinsicht wird deutlich: Wir, die aus den sogenannten industrialisierten Ländern kommen, gelten oft als wohlhabend, privilegiert, modern. Doch wie sehr sind wir wirklich in Kontakt mit uns selbst? Unsere Welt ist digitalisiert, effizient, aber auch vereinzelt. Die Menschen fühlen sich zunehmend entfremdet, leiden unter Stress, Einsamkeit und innerer Leere. Während in vielen ärmeren Ländern der Welt die Menschen trotz harter Lebensumstände verbunden wirken, sich und Fremde mit einem Lächeln grüßen, miteinander reden und lachen, scheint bei uns oft genau das zu fehlen.
Fühlen bedeutet also auch, innezuhalten. Sich für andere Perspektiven und Lebensentwürfe zu öffnen und die eigenen Maßstäbe nicht absolut zu setzen. Es hilft uns zu erkennen, was wirklich wichtig ist.
Reisen ist eine Einladung, unsere Sinne zu schärfen, uns selbst zu spüren und anderen mit Offenheit, Respekt und Mitgefühl zu begegnen. Es ist somit auch ein innerer Prozess, denn jede äußere Reise ist auch eine innere Reise. Wer sich wirklich einfühlt, beginnt zu verstehen und urteilt weniger schnell.




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